Page 5 - CLASS aktuell 01 - 2016
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C L A S S : a k t u e l l

Fotos: © Frank Hoehler (Dresdner Kapellsolisten); © Matthias Creutziger (Helmut Branny)  eines musikalisch anspruchsvollen Hoforchesters      Hof- und heutigen Staatskapelle so eminent wich­
                                                                                         wie dem kurfürstlich sächsischen genau wider.
                                                                                         Die Entscheidung für oder gegen ein histori­         tig waren: Johann Gottlieb Naumann, Johann
                                                                                         sches Instrumentarium wird von den Kapell­
                                                                                         solisten dabei wohlüberlegt und immer anhand         Baptist Neruda, Jan Dismas Zelenka, Antonio Lotti,
                                                                                         der klanglichen Notwendigkeiten getroffen.
                                                                                         Historische Pauken und Trompeten kommen              gar die Prinzessin Amalia von Sachsen höchst­
                                                                                         immer einmal zum Einsatz, wenn es etwa um
                                                                                         authentische Klänge einer Haydn-Sinfonie geht.       selbst... die Liste könnte fortgesetzt werden.
                                                                                         Die Streicher hingegen vertrauen von Grün­
                                                                                         dung an und mit wenigen Ausnahmen auf die            Namhafte Solisten wie Nils Mönkemeyer,
                                                                                         Instrumente, die die Musiker der Sächsischen
                                                                                         Staatskapelle alltäglich „im Dienst“ spielen.        Martin Stadtfeld, Jan Vogler, Albrecht Mayer,
                                                                                         Wohl setzen sich die Musiker mit den neuesten
                                                                                         Erkenntnissen zu Stil- und Aufführungspraxis,        Viktoria Mullova oder Matthias Goerne ver­
                                                                                         dem „geistigen Klima der Entstehungszeit der
                                                                                         Werke“ (Branny) sehr aufmerksam auseinander.         trauen bei ihren Einspielungen gern auf die
                                                                                         Und im Abwägen, im Suchen und Finden von
                                                                                         Farbnuancen entsteht am Ende der charakteris­        Kapellsolisten. Mit dem Tenor Peter Schreier
                                                                                         tische, wiedererkennbare Klang der Dresdner
                                                                                         Kapellsolisten: beherzt, jedoch immer kultiviert.    verbindet die Musiker eine langjährige Zusam­
                                                                                         Und vor allem eben dieser „warme, weiche
                                                                                         Streicherklang“, wie ein Kritiker einmal schwärm­    menarbeit. Aber auch Solisten am Anfang ihrer
                                                                                         te! Er ist eins der Markenzeichen des Ensembles.
                                                                                         Und ist genau so wichtig wie dieses sangliche,       Karriere versichern sich gern der Schützenhilfe
                                                                                         organische Spiel, das vielleicht nur dort entstehen
                                                                                         kann, wo Orchesterkollegen lange Jahre durch         der Dresdner, wenn eine aufsehenerregende
                                                                                         viele Stilepochen hindurch gemeinsam musizie­
                                                                                         ren, auch viel Oper in den Fingern haben. Das        Debüt-CD entstehen soll.
                                                                                         wichtigste aber, sagt Helmut Branny, sei, dass die
                                                                                         Kollegen allesamt mit dem Herzen dabei sind.         In ihrer Heimatstadt Dresden haben die
                                                                                         Auftritte mit den Dresdner Kapellsolisten sind ja
                                                                                         nicht die Pflicht, sondern die Kür eines Staats­     Kapellsolisten seit ihrer Gründung mitgeholfen,
                                                                                         kapellmusikers. Hier kann er in ein Repertoire
                                                                                         eintauchen, das er im großen Opernorchester          einen neuen Aufführungsort zu etablieren: das
                                                                                         eben nicht täglich auf dem Notenständer findet,
                                                                                         kann sich in die Werke von Komponisten vertiefen,    Sommerpalais, ein barockes Lustschloss inmitten
                                                                                         die ihrerseits für die Geschichte der ehemaligen
                                                                                                                                              des Großen Gartens, wurde in den letzten Jahren

                                                                                                                                              behutsam rekonstruiert und für Konzerte und

                                                                                                                                              Ausstellungen zugänglich gemacht. Viel öfter

                                                                                                                                              waren die Musiker jedoch in den letzten Jahren

                                                                                                                                              außerhalb der Stadtgrenzen zu erleben: auf

                                                                                                                                              Tourneen durch Deutschland, nach Japan und

                                                                                                                                              in die Schweiz, nach Korea und Kroatien, Italien

                                                                                                                                              und Österreich; gemeinsam mit Solisten wie Peter

                                                                                                                                              Rösel, hin und wieder auch mit dem Dresdner

                                                                                                                                              Kreuzchor. Und auch wenn die aktuelle Saison

                                                                                                                                              wieder mit Gastspielen lockt, wollen die Kapell­

                                                                                                                                              solisten wieder verstärkt in und um Dresden

                                                                                                                                              präsent sein. Das Repertoire der zweiten neuen

                                                                                                                                              SACD erinnert da auch wieder an hiesige musika­

                                                                                                                                              lische Wurzeln: sie ist Dresdner Fagottkonzerten

                                                                                                                                              aus dem legendären „Schranck No:II“ gewidmet,

                                                                                                                                              der unter anderem die private Sammlung des

                                                                                                                                              einstigen Kapell-Konzertmeisters Johann Georg

                                                                                                                                              Pisendel enthielt.	       Anders Winter

                                                                                                                    Ausgabe 2016/1 5
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